Schulz goes Canossa. Aus der Reihe „Selber schuld“.

Angeblich harrte Heinrich IV. vom 25.-28. Januar 1077 im Büßerhemd und barfuß vor der Burg Canossa darauf, dass ihn der in der Feste weilende Papst Gregor VII. vom Kirchenbann befreien möge.
Soweit die Saga aus dem Mittelalter. Schon damals wurde medial vernebelt, was das Zeug hielt.  Aktuelle Forschungen (Johannes Fried)  gehen davon aus, dass Heinrichs Frosttrocknung vor Canossa so nicht stattfand, die Einigung zwischen König und Papst lange und gut vorbereitet  und fürs erste zufriedenstellend für beide Streithähne war. Allerdings entwickelte sich die weitere Geschichte dieser GroKo weniger erfreulich, beider Lanzenträger moserten solange daran herum , bis alles wieder auf reset war.

Rund 940 Jahre später geht Martin Schulz auf seine Art nach Canossa. Ralle wird ihn eifrig zwitschernd begleiten. Aber wir werden sogleich sehen, Canossa ist nicht gleich Canossa. Geschichte ist keine Endlos-Platte.

Die Streitfälle 1077 und 2017:
Heinrich hatte Grund, Gregor zu zürnen. Gregor hatte die Kardinäle 1073 ausgetrickst und sich an denen vorbei vom Volk (wer immer das damals gewesen sein mag) per Akklamation, was keinesfalls eine freie und geheime Wahl gewesen sein kann, ins Amt gehievt und war fortan drauf und dran, die deutschen Fürsten gegen ihren sicherlich ausgesprochen guten König Heinrich auszuspielen. Kurz, es ging um die Macht und es wurde mit allen Mitteln verbissen gefochten.

Martin hatte 2017 ebenso  gute Gründe, mit Angela um die Macht zu streiten. Anders als Gregor war  Angela aber  im Ergebnis freier und geheimer Wahlen ins Amt gekommen, niemand wurde dafür ausgetrickst. Was spätere Enttäuschungen natürlich nicht ausschließen konnte. Das Leben ist so.

Aber der Streit, wer dieses Amt auf Zeit in heutiger Zeit innehaben soll, der ist legitim und muss nach geltenden Regeln ausgefochten werden. Konnte sich Heinrich in seinem Streit auf unlauteres Verhalten eines Emporkömmlings berufen, so hatte Martin nur die Möglichkeit sich als der bessere Kandidat zu präsentieren. Das ist auch okay so, anders als zu HeinrichGregors‘ Zeiten wollen wir den Machtwechsel friedlich und ohne Kopf-ab vollziehen. Der Vorteil einer Demokratie ist an dieser Stelle fürwahr bestechend.

Die Wahlkämpfe 1077 und 2017:
Heinrich musste programmatisch nicht viel Federlesens machen. Der böse Bube war eindeutig Austrickser-Gregor. Nur war der im Diesseits durch den religiösen Besitz der Untertanenköpfe plus das Mandat über das Jenseits stark  in der Vorhand. Heinrich konnte mit seinen ausschließlich irdischen Mitteln nicht obsiegen, hatte keine Chance. Ein Vergleich musste her. Daran hatte auch Gregor Interesse. Sicher war sicher.

Martin hatte es 2017 programmatisch viel schwerer. Angela vertrat alles, was Martin auch vertrat. Jeden Wunsch aus Martins Heerscharen hatte sie jahrelang erfüllt. Martin stand gewissermaßen vor der Aufgabe, gegen seine eigene Programmatik (in Angelas‘ Farben)  Sturm zu laufen. Ein bisschen mehr dort, etwas weniger hier, mehr war nicht zu kreieren. Und das aller aller aller Schlimmste war, nicht einmal Angelas‘ historisch desaströsesten Fehler konnte er ihr schmerzhaft ins Stammbuch schreiben. Angelas‘ einsame Politbüroentscheidung für eine Völkerwanderung in die EU hinein vom September 2015 hatte er ja ganz brav mitgetragen, kein Widerwort ist von ihm bekannt. Die traumatische Destabilisierung der EU und Deutschlands infolge der Umgehung des Deutschen Bundestages in Verbindung mit dem ebenso historisch einmaligen Eingeständnis, das Land und seine Grenzen nicht sicher kontrollieren zu können, eher wohl nicht zu wollen, kreidete er der Angela jedenfalls nicht an.
Konnte Heinrich 940 Jahre vorher noch für sich ins Feld führen sein Königreich vor dem dreisten Zugriff Gregors schützen zu wollen und zu müssen, so hatte der Sozialdemokrat Martin nicht die Spur einer Idee, wie das demokratische Gemeinwesen, welches  er die kommenden vier Jahre im Kreise der europäischen Freunde wahren und schützen wollte, tatsächlich wahren und schützen könnte. Stattdessen spielte er Angelas‘ Spiel „Ich sehe nicht, was du nicht siehst“ auf Konfirmantenart mit. Die Wahl ging dann auch so aus, wie Martin das alles angeführt hatte. Vier Jahre sind die Parteien am Zuge, am Wahlabend ist das Wahlvolk am Zuge. Und das hatte vergeblich auf Martins Positionierung gegen Angelas‘ Destabilisierungspolitik gewartet und ist dann enttäuscht zu den Gauklern von der AfD gegangen.

Martins Canossa:
Martin versprach für den Fall seiner Wahl keine GroKo und vor allem keine Bundeskanzlerin Merkel mehr. Er unterließ aber stringent alles, was diese Ziele realistisch gemacht hätte. Im Februar, auf dem Hohepunkt seiner Popularität in Deutschland und nicht nur in der SPD, erklärte er dem verdutzen Wahlvolk die Ungerechtigkeiten in Deutschland nach 15 Jahren SPD-Mitverantwortung seit 1998 im Adlerhost Berlin. Das war schon mal humoresk. Die Probleme mit der Zuwanderung, der EU-Binnensicherheit und der Schuld seiner Kontrahentin an diesen existenziellen Punkten, beschwieg er auf Brüsseler Salonart. Das war dann nicht mal humoresk. Das war und ist peinlich.

Nach dem glücklichen Scheitern der karibischen Sondierungen trommelte Martin sofort für Neuwahlen und für auf gar keinen Fall erneute GroKo... und wieder hatte er die Chance verpaßt, sich und die SPD nachdrücklich in Vorhand zu bringen. Statt sofort eine GroKo ohne Angela (wofür es jetzt schon wieder zu spät ist) anzubieten und das inhaltlich nachzuholen, was er im Februar verpennt hatte, läßt er Ralle wieder gegen die Begrenzung des Familiennachzuges, von dem keiner weiß ob es sich um 70 000 oder 800 00 Menschen handeln kann, wettern. Der SPD-Abstieg wird damit so wenig begrenz wie der Familiennachzug. Anders ausgedrückt Familiennachzug und SPD-Absturz verhalten sich indirekt proportional… kommen alle, ist die SPD weg.

Hatte Heinrich IV. von Gregor VII. geschaffene Gründe, gegen die er vorging und das Bild von Canossa mit entstehen ließ, so hat sich Martin sein Canossa in eigener Regie geschaffen. Denn, jetzt ist klar, die SPD wird erneut mit in den Berliner Adlerhorst einziehen. Damit sie in Neuwahlen mit Martin an der Spitze nicht von den Gauklern überrundet wird. Denn das mit einer Minderheitsregierung, dass weiß sogar der Martin, das würde nicht mal die Haushaltsberatung für 2018 überstehen.

Ober-Gaga! Was aus'm Betriebskindergarten des
"VEB Rotkohl": Kenia-Kopulation