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Es muss endlich Schluss sein mit dem Wegsehen

Ali Utlu:

Seit 2015 hat sich das Lebensgefühl in meiner Stadt Köln schleichend, aber radikal verändert. Für uns Homosexuelle ist der öffentliche Raum an vielen Stellen zu einem Minenfeld geworden. Es gibt inzwischen etliche No-Go-Zonen, in denen es schlicht lebensgefährlich sein kann, Händchen zu halten oder dem Partner auf der Straße Zuneigung zu zeigen.
Wenn ich heute meine Wohnung verlasse, scrolle ich im Kopf automatisch durch die Gefahrenkarte der Stadt. Wo muss ich aufpassen? Wo lasse ich die Hand meines Partners lieber los? Und das Verrückte ist: Diese Angst hat nichts mit dem zu tun, was uns ständig als größte Gefahr verkauft wird.
Als Schwuler habe ich auf der Straße keine Angst vor Rechten oder gar AfD-Wählern. Die pöbeln mich im Alltag nicht an. Wir haben Angst vor ganz anderen Gruppen: vor arabischen und afghanischen Muslimen. Aus dieser Ecke kommt die ganz reale, tägliche Aggression. Es sind die verächtlichen Blicke, die homophoben Sprüche im Vorbeigehen und die ganz konkrete Androhung von Gewalt, wenn man nicht ins heterosexuelle, patriarchale, religiöse Raster passt.
Seit über zehn Jahren können wir in Köln nicht mehr wirklich frei leben. Und das Schlimmste daran ist das Redeverbot, das uns von genau denjenigen auferlegt wird, die sich sonst als unsere größten Retter inszenieren. Vor allem SPD, Grüne und die Linke schmücken sich nur zu gerne mit uns. Kaum eine Wahlkampfkampagne, kaum ein Social-Media-Auftritt dieser Parteien kommt ohne Regenbogenfarben aus. Sie nutzen LGBT-Menschen als Deko für ihre vermeintliche Progressivität.
Doch dieselben Parteivertreter sind es, die uns über den Mund fahren, wenn wir offen aussprechen, vor wem wir wirklich Angst haben. Sobald man anspricht, dass die Täter im öffentlichen Raum fast immer einen muslimischen Hintergrund haben, schnappt die moralische Falle zu. Dann wird man von SPD, Grünen und Linken als rassistisch, rechts oder islamophob tituliert – dabei bin ich selbst ein Kind von Migranten, türkisch und schwul.
Es ist eine völlig falsche Prioritätensetzung: Diesen politischen Kräften ist der Schutz einer angeblich diskriminierten Religion wichtiger als der ganz konkrete Schutz von uns Homosexuellen vor körperlichen Übergriffen. Um ihr multikulturelles Wunschbild nicht zu gefährden, opfern sie unsere Sicherheit. Uns wird die Solidarität entzogen, damit man nicht über die Schattenseiten der Migration reden muss.
Diese organisierte Blindheit hat Gesichter. Eines davon ist Karl Lauterbach (SPD). Als Kölner Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Leverkusen – Köln IV inszeniert er sich gerne als großer Freund der Community. Aber die Wahrheit ist: Politiker wie er kennen unser echtes Leben überhaupt nicht. Lauterbach und seine Kollegen von den Grünen und den Linken kennen nur den CSD – der einmal im Jahr stattfindet. Da stellt man sich dann gut gelaunt auf die Wagen, feiert die bunte Party, lässt sich für die Presse fotografieren und klopft einander für die eigene Weltoffenheit auf die Schultern.
Vom täglichen Leben der queeren Community in Köln, das außerhalb dieser einen Partywoche von Einschränkungen und Angst geprägt ist, haben sie kaum eine Ahnung. Und vermutlich wollen diese Leute es auch gar nicht wissen. Denn unsere Realität stört ihr schönes, einfaches Narrativ.
Die Pride war ursprünglich mal eine politische Demonstration. Ein Aufschrei gegen Unterdrückung, ein Kampf um die Sicherheit. Heute ist sie zu einer billigen Kulisse für Politiker verkommen, die sich dort auf progressive Weise reinwaschen.
Es ist Zeit für eine Ansage: Vielleicht sollten die Pride-Organisatoren alle politischen Parteien und deren Vertreter von den Veranstaltungen ausschließen. Vor allem dann, wenn sie so demonstrativ blind für unsere tägliche Realität sind wie Lauterbach und seine Kollegen von SPD, Grünen und Linken. Wer sich weigert, die Täter beim Namen zu nennen, wer uns als Rassisten beschimpft, wenn wir von unseren realen Ängsten berichten, hat auf unseren Demos nichts verloren. Ihnen müsste gesagt werden: Ihr habt kein Recht, euch mit unseren Regenbogenfahnen zu schmücken, während wir Angst haben müssen, wenn wir nachts nach Hause gehen.
Es muss endlich Schluss sein mit dem Wegsehen. Wir müssen die Probleme benennen dürfen, ohne Tabus und ohne Angst vor der sozialen Ächtung durch die politische Linke. Nur dann haben wir eine Chance, uns unsere Freiheit auf Kölns Straßen zurückzuholen.
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