Annette Heinisch
Die Renaissance des christlichen Glaubens und das Böckenförde-Dilemma
Meine Güte, was ist die Aufregung groß! Dass es Menschen gibt, die beten, weiß man. Aber dass es Christen gibt und die auch beten – ach du lieber Himmel! Sogar ganz offen und öffentlich! Das ist
„kurios“, wie n-tv es nennt.
Die Szene, in der drei Spieler der Mannschaft der wunderbaren Karibikinsel Curaçao mit zwei Fußballern der deutschen Mannschaft nach dem WM - Spiel einen Kreis bildeten und beteten, hat in
Deutschland zu entgeisterten Reaktionen geführt.
Wie ein Haufen aufgescheuchter Hühner flattern und gackern Teile der Medien herum. Nun wissen Achse-Leser bekanntlich früher mehr. Dass es ein Wiederaufleben des Christentums gibt, habe ich oft
genug geschildert, nun wird es sichtbar. Dies gilt nicht nur bei diesem Beispiel, tatsächlich ist es eine weltweite Bewegung. Daher haben sich auch Fußballer anderer Nationen dieser Bewegung
angeschlossen, um ihren Glauben bei dieser Weltmeisterschaft nicht mehr schamhaft zu verbergen, sondern offen zu zeigen.
„Every action has an equal and opposite reaction“ – dies ist das dritte Bewegungsgesetz, das Isaac Newton bereits 1686 formulierte. Inwieweit dieses physikalische Gesetz auch auf Gesellschaften anwendbar ist, kann ich nicht beurteilen, aber es zu ignorieren wäre dumm. Es gibt zu klare Beispiele in der Geschichte, welche die Wirkmacht dieser Gesetzmäßigkeit zeigen. Ein naheliegendes Beispiel ist die Sozialistische Internationale und als Gegenbewegung der Nationalsozialismus. Derzeit sieht man die AfD als klare Gegenbewegung zur herrschenden politischen Richtung.
Es war also nur eine Frage der Zeit, bis als Gegenbewegung zum Islamisierung das Christentum wieder erwachen würde. Entgegen den Äußerungen so mancher Politiker ist das Abendland, speziell Europa, nämlich nicht islamisch geprägt. Im Gegenteil: Der Kampf gegen den Islam war prägend. Hat schon mal jemand von der Reconquista gehört? Der Rückeroberung der Iberischen Halbinsel durch christliche Truppen? Ein Kampf, der gut 700 Jahre dauerte und dessen direktes politisches und religiöses Instrument zur Durchsetzung des katholischen Glaubens dann die bekannte (und meines Erachtens kritikwürdige) Inquisition war. Auch an anderer Stelle wollte der Islam Europa kolonisieren. Stichworte sind die Schlacht von Lepanto und die zwei Belagerungen von Wien. Die Schlacht am Kahlenberg 1683 brachte die Wende, bei der ein Bündnis aus Truppen des Heiligen Römischen Reiches, kaiserlichen österreichischen Truppen und einer schlagkräftigen polnischen Reiterei (den berühmten Flügelhusaren) unter dem polnischen König Johann III. Sobieski siegreich war.
Unsere Vorfahren wussten nämlich noch, dass es gravierende Unterschiede zwischen Christentum und Islam gibt und dass die Vereinbarkeit eher nicht so gut funktioniert.
Der Kampf gegen den kulturfremden Islam, der versuchte, Europa zu beherrschen, war also prägend. Wer das nicht weiß, sollte vielleicht besser nicht in die Politik gehen.
Böckenförde-Dilemma
Insoweit gibt es etwas, was mich seit Jahren ärgert: Wenn man das Böckenförde-Dilemma erwähnt, dass also der säkulare Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann, dann setzen alle eine kluge Miene auf und nicken gewichtig mit dem Kopf.
Und dann? Nichts. Einfach gar nichts. Das kann ich beim besten Willen nicht verstehen, denn die nächsten Fragen drängen sich doch auf! Welche sind das? Wie schafft man diese Voraussetzungen? Wie sichert man sie? Wer macht das, denn das darf ja gerade keine politische Aufgabe sein?
Hier der fragliche Text, um den es geht:
„So stellt sich die Frage nach den bindenden Kräften von neuem und in ihrem eigentlichen Kern: Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren
kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt,
von innen her, aus der moralischen Substanz des Einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit
den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots, zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen,
aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat. Es führt kein Weg über die Schwelle von 1789 zurück, ohne den Staat als die Ordnung der Freiheit zu zerstören.“
Der ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Ernst Wolfgang Böckenförde hat also klar festgestellt, dass der Staat die Voraussetzungen der Freiheit nicht schaffen kann, ohne seinerseits totalitär zu werden. Nimmt man hier die Ausführungen des Begründers der Massenpsychologie, Gustave Le Bon, hinzu, der nicht nur feststellte, dass alle Massenbewegungen religiöse Züge annehmen, sondern auch, dass Verfassungen diese Bewegungen nur abbilden, nicht aber begrenzen können, dann zeichnen sich die Umrisse eines Bildes ab.
Wenn westliche Staaten heute mehr oder minder am Ende sind, dann liegt die Lösung der Probleme nicht im politischen Bereich, sondern außerhalb. Der Westen war sehr erfolgreich, als er christlich-säkular war. Die heute noch halbwegs funktionierenden Staaten Europas sind diejenigen, in denen das Christentum noch nicht ausgemerzt und durch politische Ersatzreligionen verdrängt wurde.
Dies scheinen zunehmend Menschen zu erkennen. Ein Javier Milei, der seine Politik ausdrücklich auf das Christentum und die Zehn Gebote stützt, ist nur ein Beispiel für eine Bewegung, die möglicherweise mehr Tiefe und Berechtigung hat, als ihr selbst klar ist. Le Bon unterschied auch zwischen oberflächlichen, zeitgeistlichen Strömungen und den großen Tiefenströmungen, geprägt durch Jahrhunderte von Religion und Geschichte. Es mag sein, dass die Zeit der oberflächlichen, zeitgeistigen Strömungen ihrem Ende entgegen geht.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Eröffnung der Sagrada Familia in Barcelona nach einer Bauzeit von 144 Jahren weltweit so viel Aufmerksamkeit erfahren hat.
