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Deutschland zwischen Chaos und Stillstand

 

 

 

 

Annette Heinisch


Deutschland zwischen Chaos und Stillstand

 

Wenn die Bahn einen Stahlriesen in die Knie zwingt – und Russlands Satelliten schon auf die nächste Infrastruktur zielen

 

Deutschlands drittgrößter Stahlhersteller drosselt seinen Hochofen. Nicht wegen fehlender Aufträge, nicht wegen zu teurer Energie, nicht wegen chinesischer Konkurrenz. Nein – wegen der Deutschen Bahn. Wegen der Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn musste die Salzgitter AG ihre Hochofenproduktion bereits drosseln – und das ist kein Betriebsunfall, sondern hausgemachtes Versagen auf ganzer Linie.

 

Baustellen im norddeutschen Schienennetz behindern die Versorgung des Werks mit Eisenerz, Kohle und Schrott per Güterzug. Die Störungen verursachen dem Konzern massive Kosten und für Deutschland „inzwischen auch spürbare volkswirtschaftliche Schäden." Ein Sprecher des Unternehmens formulierte es mit norddeutscher Untertreibung: „Sollte sich die Situation nicht kurzfristig verbessern, sehen wir uns gezwungen, weitere Produktionsdrosselungen vorzunehmen" – kurzfristig wirksame Verbesserungen seien bislang leider nicht erkennbar.

 

 Man könnte lachen, wenn es nicht so teuer wäre.

 

Baustelle Deutschland, jetzt auch auf Schiene

 

Die Deutsche Bahn hat jahrzehntelang ihr Netz auf Verschleiß gefahren, und nun saniert sie – großflächig, gleichzeitig, chaotisch. Was bei Straßenbaustellen schon nervt, ist im Schienengüterverkehr ein echter Wirtschaftskiller: Stahl lässt sich nicht „eben kurz" auf die Autobahn umleiten. Ein Hochofen läuft rund um die Uhr, er wartet nicht, und er mag es gar nicht, wenn der Koks nicht ankommt.

 

Arcelor-Mittal steckt übrigens im selben Schlamassel. Man ist also in bester, wenn auch ungemütlicher Gesellschaft.

 

Was besonders pikant ist: Ausgerechnet jetzt, wo die deutsche Industrie ohnehin unter Druck steht, produziert die Bahn Infrastrukturversagen am laufenden Band. Und die Politik? Spricht von Verkehrswende....

 

Die Lösung heißt Galileo – und klingt großartig

 

Aber schauen wir mal nach vorne, denn die Bahn hat Pläne. Große Pläne. Digitale Pläne.

 

Die Züge der Zukunft sollen nicht mehr wie bisher mit aufwendiger Gleistechnik, Balisen und Streckensignalen gesteuert werden – sondern per Satellitennavigation. Das EU-Parlament fordert gemeinsame Anstrengungen zur Einführung vom Global Navigation Satellite System (GNSS) für die Zugortung im Rahmen des European Rail Traffic Management System (ERTMS). Präzise und zuverlässige Lokalisierung ist Voraussetzung für neue Funktionalitäten wie automatisierten Zugbetrieb und das European Train Control System (ETCS) Level 3 „Moving Block", das es Zügen ermöglicht, in optimierten und dynamischen Abständen zu fahren.

 

Konkret: GPS und Galileo sollen im zentralen Navigationssystem EGNOS verwendet werden, das durch Ausstrahlen von Korrekturdaten sowohl die Sicherheit als auch die Performance der GNSS-Lokalisierung verbessert – mit einer Positionsgenauigkeit von bis zu einem Meter.

 

 Klingt nach Zukunft. Klingt nach Effizienz. Klingt nach dem Navi im Auto – bloß für 800 Tonnen Stahlzug. Dasselbe Prinzip nutzen Flugzeuge, Schiffe, Raketen, Drohnen. Alles hängt an diesem unsichtbaren Netz aus Satellitensignalen.

 

Galileo ist das globale Satellitennavigationssystem der EU und verschafft Europa einen unabhängigen Zugang zur Schlüsseltechnologie Satellitennavigation. Seine Dienste sind unerlässlich für die intermodale digitale Mobilität, Lieferketten, Rettungseinsätze und die zivile und militärische Sicherheit. Zu Beginn des Jahres 2026 befinden sich 33 Galileo-Satelliten der ersten Generation im All, davon 25 nutzbar – das System ist grundsätzlich voll einsatzfähig.

 

 Europa hat also seine eigene GPS-Unabhängigkeit gebaut. Chapeau. Nur: Wie robust ist das Ganze?

 

„Chasing Lightning" – und das ist kein Codename für einen Thriller

 

Hier kommt ein faszinierendes neues Forschungspapier ins Spiel, das man eigentlich in keiner Sicherheitsdebatte über Schieneninfrastruktur ignorieren sollte. Erschienen Anfang Juni 2026 auf arXiv, Titel: „Chasing Lightning: Detecting, Characterizing, and Identifying a Powerful Space-Based GNSS Interference Source" – von Wissenschaftlern der University of Texas at Austin und der Stanford University.

 

Das Ergebnis ihrer mehrjährigen Analyse ist unangenehm deutlich: Seit 2019 hat eine weltraumgestützte Interferenzquelle dutzende mächtige, kurzzeitige GPS-Störungen über Kontinentaleuropa, Grönland und Kanada verursacht – und diese Quelle wurde nun eindeutig identifiziert als eine Konstellation russischer Frühwarnsatelliten in sogenannten Molnija-Orbits. Molnija bedeutet auf Russisch: Blitz. Passend.

 

Was diese Störungen besonders gefährlich macht: Sie treffen den GPS L1-Frequenzband – die primäre Frequenz für globale Luftfahrt, Schifffahrt und präzise Zeitgebung – mit Signaleinbrüchen von bis zu 10 Dezibel. Die Ereignisse dauern jeweils weniger als zehn Sekunden, erfassen aber gleichzeitig Empfänger über ein so riesiges Gebiet, dass keine boden- oder luftgestützte Quelle dafür infrage kommt.

 

Zehn Sekunden klingen kurz. Für ein Flugzeug beim Landeanflug, ein autonomes Fahrzeug auf der Autobahn – oder einen mit GPS navigierenden Zug auf einer eingleisigen Strecke – können zehn Sekunden Positionsverlust dramatische Folgen haben. Und was passiert, wenn länger gestört wird?

 

Weltraumbasierte Störsender sind von besonderer Besorgnis, weil sie potenziell eine riesige geografische Reichweite haben und eine qualitative Eskalation der GNSS-Interferenz ankündigen könnten. Kaskadierende Ausfälle können entstehen, wenn GNSS-Verlust oder -Korrumpierung Folgeprobleme in nachgelagerten Systemen auslöst.

 

Und wer jetzt denkt, russische Störsatelliten seien das einzige Problem für Galileo, der hat die Rechnung ohne die Schweizer gemacht – im wörtlichsten Sinne. Denn das Herzstück jedes Navigationssatelliten ist eine Atomuhr: Sie gibt den Takt vor, auf den sich Meter-genaue Positionsbestimmung gründet. Jeder Galileo-Satellit trägt mehrere solcher Hochpräzisionsuhren an Bord, gebaut von einem Schweizer Unternehmen. Das klingt nach solider Eidgenössischer Uhrmacherkunst – und war es in der Praxis leider nicht immer.

 

Zehn Uhren auf mindestens fünf verschiedenen Satelliten fielen aus; die ESA konnte die Pannen zwar durch den Wechsel auf alternative Uhren kompensieren, weitere Defekte hätten die betroffenen Satelliten jedoch nutzlos gemacht. Besonders pikant: Verantwortlich war womöglich nicht die Uhr selbst, sondern eine periphere, unscheinbare Komponente – und die ESA musste die Satelliten so betreiben, dass bestimmte kritische Betriebsbedingungen erst gar nicht mehr eintreten. Europas Antwort auf GPS, gedacht als Inbegriff technologischer Unabhängigkeit, wäre also beinahe an einer handtellergroßen Zulieferkomponente aus der Schweiz gescheitert. Man fasst es sich ans Herz – oder vielmehr: ans Handgelenk.

 

 

 

Russland stört – und wir bauen unsere Infrastruktur darauf auf

 

Man muss das einmal in seiner vollen Absurdität sacken lassen: Europa plant, seine Zugsteuerung komplett auf Satellitensignale umzustellen. Gleichzeitig liefert ein brandneues Forschungspapier den Beweis, dass russische Satelliten bereits heute in der Lage sind, GPS-Signale über ganz Europa kurzzeitig auszuschalten.

 

„Satellitensignale sind nicht verschlüsselt, daher ist es möglich, gefälschte Signale an einen Empfänger zu versenden", hatte Galileo-Direktor Carlo des Dorides der Deutschen Presse-Agentur bereits erklärt. Galileo biete als einziges System einen Authentifizierungsdienst. Gut. Aber Jamming – das schlichte Überwältigen des Signals mit Lärm – funktioniert unabhängig davon.

 

Inzwischen reagiert Europa: Die ESA startete im März 2026 die ersten beiden Satelliten der Celeste-Mission, eine dritte Säule der europäischen Satellitennavigation, die Galileo-Nutzer vor GPS-Störungen schützen soll. Der C-Band soll dabei besonders widerstandsfähig gegen Jamming und Spoofing sein – für professionelle Anwendungen wie Transport, kritische Infrastruktur und autonome Fahrzeuge.

 

 

 

Das ist gut. Aber es ist ein Wettlauf. Und ob es klappt, ist offen. Zur Not müssten die russischen Satelliten abgeschossen werden, aber diese Fähigkeit hat Europa nicht, da muss man wieder die USA bitten. Zwar ist über dieses Programm sehr wenig bekannt, die Kosten allein dafür dürften aber höher sein als Deutschlands Verteidigungsbudget.

 

Fazit: Zwei Krisen, ein System

 

Die Salzgitter-Misere und das Molnija-Paper haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Doch sie erzählen dieselbe Geschichte: Kritische Infrastruktur ist verletzlicher, als wir zugeben wollen. Backup – Systeme sind zwingend nötig.

 

Heute fährt der Hochofen herunter, weil ein Güterzug im Baustellen-Kuddelmuddel feststeckt. Morgen, wenn Züge per Galileo navigieren, könnte ein russischer Frühwarnsatellit auf seiner elliptischen Blitzbahn über Europa fliegen – und für ein paar Sekunden – oder länger -  das Signal killen. Ob das Chaos anrichtet, hängt davon ab, ob die Systeme robust genug gebaut werden.

 

Die Bahn hat bewiesen, dass sie Betrieb und Infrastruktur nicht gleichzeitig beherrscht. Die Hoffnung ruht jetzt auf GPS-Navigation aus dem All – und auf der Annahme, dass Moskau brav die Finger davon lässt.

 

Wer das für eine solide Grundlage hält, dem empfehle ich einen Blick auf den Fahrplan der Strecke Hamburg–Salzgitter. Der ist gerade auch nicht so prall.